KI im Unterricht: Leitfaden
Wie Sie KI sinnvoll in Ihren Unterricht integrieren, ohne den pädagogischen Anspruch zu verlieren.
Artikel lesen →Wie Sie Klassenarbeiten, mündliche Abfragen und Klausuren so gestalten, dass sie echtes Lernen abbilden — auch wenn ChatGPT bei jeder zweiten Hausaufgabe im Hintergrund mitschreibt.
Bayern diskutiert öffentlich die Abschaffung unangekündigter Leistungsabfragen, der Bayerische Philologenverband warnt im Interview vom 20. Mai 2026 vor einem Verlust mündlicher Prüfungsformate, und der OECD-Bericht vom Januar 2026 belegt: Vielseitig einsetzbare KI-Modelle wie ChatGPT verbessern die Aufgabenleistung, fördern aber kein nachhaltiges Lernen. Lehrkräfte stehen vor der Frage, wie sich Leistung noch verlässlich messen lässt, wenn KI bei fast jeder Hausaufgabe mitschreibt. Dieser Ratgeber zeigt vier Anpassungen, die Sie ohne langen Vorlauf umsetzen können.
Aktuelle DebatteDie Erziehungswissenschaftlerin Prof. Manuela Pietraß von der Universität der Bundeswehr München bringt die Verschiebung auf einen Punkt: „Durch KI wird es wichtiger, was jemand in einer bestimmten Situation leisten kann." Im Interview mit dem Bayerischen Philologenverband warnt sie davor, mündliche Abfragen und sogenannte Exen abzuschaffen, weil genau diese Formate in einer Welt, in der Texte zunehmend KI-assistiert entstehen, an Bedeutung gewinnen. Pietraß plädiert nicht für mehr Druck, sondern für andere Anlässe, an denen Schülerinnen und Schüler zeigen, was sie eigenständig verstanden haben.
Der OECD-Bericht vom Januar 2026 stützt diese Argumentation mit harten Zahlen. In einer Vergleichsstudie konnten nur 12 Prozent der Gruppe, die einen Text mit ChatGPT schrieb, eine Stunde später aus dem eigenen Text zitieren — in den Vergleichsgruppen ohne KI waren es 89 Prozent. Die OECD beschreibt das als Diskrepanz zwischen Aufgabenleistung und echtem Lernen.
Bewertet wird der abgegebene Text. KI-Anteil bleibt unsichtbar, Lernfortschritt ist nicht überprüfbar.
Bewertet werden Lernweg, Auseinandersetzung und Fähigkeit, das Ergebnis in einer neuen Situation zu vertreten.
Die Bildungsministerkonferenz hat in ihrer Handlungsempfehlung vom Oktober 2024 vier Stellschrauben benannt, an denen Schulen ansetzen sollen. Sie sind weiter aktuell und werden durch den Handlungsleitfaden „Künstliche Intelligenz in der pädagogischen Praxis" des Bayerischen Kultusministeriums in der Version vom 19. Mai 2026 ergänzt, der Schulleitungen einen abgestimmten Schulentwicklungsprozess an die Hand gibt.
Dialogbasierte und spontane Prüfungen stärker gewichten
Lernweg, Zwischenstände und Überarbeitungen mitbewerten
Prompts dokumentieren, KI-Anteile als Zitate kennzeichnen
DSGVO-Profiling-Verbot: Note bleibt Aufgabe der Lehrkraft
Die folgenden vier Formate lassen sich in den bestehenden Prüfungsrahmen integrieren, ohne Lehrpläne zu sprengen. Sie greifen die KMK-Empfehlung und die Pietraß-Argumentation auf und übersetzen sie in den Schulalltag.
Jede Klassenarbeit beginnt mit einem kurzen, hilfsmittelfreien Block, der Grundwissen und Methodensicherheit prüft. In Mathematik ist diese Trennung bereits Standard, in anderen Fächern lässt sich das Prinzip übertragen und schafft eine verlässliche Basis für die Note.
Im zweiten Teil dürfen Schülerinnen und Schüler einen Chatbot etwa zum Finden von Argumenten nutzen. Sie kennzeichnen KI-Passagen als Zitate, dokumentieren ihre Prompts und begründen schriftlich, warum sie eine Formulierung übernommen, verworfen oder umgeschrieben haben.
Bei größeren Arbeiten ergänzt ein kurzes mündliches Lerngespräch die schriftliche Abgabe. Schülerinnen und Schüler erläutern Zwischenstände, KI-Einsatz und Überarbeitungen. Damit erfüllen Sie die KMK-Empfehlung zu dialogbasierten Prüfungsformaten ohne zusätzliche Klausurzeit.
Die Endnote setzt sich aus Produkt, Prozessdokumentation und mündlicher Verteidigung zusammen. Damit fließt nicht mehr nur der polierte Endtext ein, sondern auch der Lernfortschritt, den Schülerinnen und Schüler sichtbar machen.
Die Bitkom-Erhebung von 2024 unter 502 Lehrkräften der Klassen 7 bis 13 zeigt, wo KI heute schon Teil der Praxis ist. Die folgenden Anteile beziehen sich auf KI-nutzende Lehrkräfte:
Schülerarbeiten werden nach hinterlegten Kriterien analysiert — ein Format, das sich für die Prozessrückmeldung in Phase 2 und 3 eignet. Für längere Texte hilft der KI Schreibcoach, der mit den Schülerinnen und Schülern im Dialog überarbeitet.
Aufgaben in zwei Schwierigkeitsstufen für hilfsmittelfreie und KI-erlaubte Teile lassen sich so deutlich schneller erstellen.
Voraussetzung für die Reflexionspflicht in Phase 2: Schülerinnen und Schüler müssen wissen, wie ein Chatbot arbeitet, bevor sie ihn als Hilfsmittel einsetzen.
Wichtig bleibt die rechtliche Grenze: Aufgrund des Profiling-Verbots der DSGVO und der Anforderungen der EU-KI-Verordnung dürfen Bewertungen nicht vollständig automatisiert erfolgen. Die endgültige Note bleibt eine pädagogische Aufgabe der Lehrkraft — KI darf vorkorrigieren, nicht entscheiden. Mehr zu den Skillsquare-Funktionen für Vorkorrektur und Materialerstellung finden Sie im Überblick.
Prof. Manuela Pietraß, Universität der Bundeswehr München, Interview vom 20. Mai 2026„Wir sollten nicht über die Abschaffung von Formaten, sondern über die Qualität des Feedbacks sprechen."
Die Frage, wie Schulen Leistung im KI-Zeitalter messen, beantwortet sich nicht durch ein Verbot von ChatGPT und auch nicht durch das Streichen mündlicher Abfragen. Sie beantwortet sich durch Prüfungsformate, die zeigen, was Schülerinnen und Schüler eigenständig verstanden haben — und Sie können diesen Umbau in der nächsten Klassenarbeit beginnen.
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