PRAXIS
Warum „zu oberflächlich“ keine brauchbare Rückmeldung ist
Der häufigste Kommentar unter Ethikarbeiten benennt ein Defizit, aber keine Stelle. „Zu oberflächlich“ oder „mehr begründen“ sagt nicht, welcher Schritt fehlt. Brauchbar wird die Rückmeldung erst, wenn sie zeigt, an welcher Stelle eine unausgesprochene Annahme den Schluss trägt oder welcher Einwand nicht geprüft wurde.
Ein Beispiel: Wer schreibt, das Weiterleiten eines Screenshots sei in Ordnung, weil ohnehin alle es gesehen hätten, argumentiert mit einer Prämisse, die selbst begründungsbedürftig ist – nämlich dass Verbreitung eine Handlung rechtfertigt. Der Hinweis lautet dann nicht „falsch“, sondern: Prüfe, ob diese Annahme auch in einem Fall gilt, in dem die betroffene Person widerspricht.
Damit bleibt die Grenze gewahrt, die den Ethikunterricht prägt: Bewertet wird die argumentative Qualität, nicht die Haltung. Eine religiös begründete und eine säkular begründete Position können beide sorgfältig sein – oder beide unvollständig. Der Feedback-Agent formuliert entlang der vereinbarten Kriterien; die pädagogische Einordnung bleibt bei der Lehrkraft.